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Die Fremde im Zug

Eine Weihnachtsgeschichte von Tanja Kummer

«Wissen Sie, was los ist?», ein Mann in meinem Alter steht neben unserem Abteil. In diesem Moment geht das Licht aus. Bild: Getty

3.12.2021

Geschafft! Endlich im Zug, mein Körper dampft. Ich hänge den Wintermantel auf, er glänzt vor Nässe – draussen tanzen die Flocken – und lasse mich auf den Sitz fallen. Die Tasche mit den Geschenken steht vor mir auf dem Boden, ich bin unterwegs zum Weihnachtsfest mit meiner Familie. Noch drei Minuten bis zur Abfahrt. Ich bin heute mit allem knapp dran, gerade sass ich noch vor dem Computer, um ein Rezept mit Worten zu verfeinern: Ich bin Foodbloggerin und Menü-Ideen sind an Weihnachten besonders gefragt.

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«Ist hier noch frei?», ich schaue auf, habe die Frau gar nicht kommen hören: «Selbstverständlich!»

Ich wundere mich, warum sie ausgerechnet zu mir sitzen möchte, rundherum ist alles frei. Sie setzt sich, ich mustere sie verstohlen und mir wird warm ums Herz: Sie erinnert mich mit ihrem lieben Gesicht und der kleine Postur an meine Grossmutter – nur dass die Frau ihre silbergrauen Locken bis zu den Schultern trägt, Grosis Haare waren immer kurz.

War das schön, als meine Grosseltern beim Fest noch dabei waren! Als ich ein Kind war, fand ich Weihnachten das Grösste: Es wurde fein gegessen, viel gelacht, schief gesungen und wir haben Geschenke ausgepackt. Dann sind meine Schwester und ich verschwitzt und übermüdet ins Bett gefallen und konnten trotzdem kaum schlafen vor lauter Vorfreude auf den nächsten Tag und unsere neuen Spielsachen. Nun ist Weihnachten weniger aufregend, dafür genussvoller, ein Abend zum Durchatmen. Heute Abend feiern wir bei meinen Eltern, meine Schwester ist mit ihrer Familie dabei, ich komme alleine. Ich bin 42 und Single. Manchmal geniesse ich es, alleine zu sein – manchmal macht es mich traurig.

Der Zug fährt los. Ich checke ein letztes Mal – so schwöre ich mir – das Handy und die Likes für mein Weihnachtsrezept: Nussbraten mit Kräuterknödel an Zwiebelsauce. Dann schliesse ich die Augen, verfolge bewusst meinen Atem, ganz wie ich es im Yoga gelernt habe, atme ein und aus und ein und ... als ich wieder aufwache, steht der Zug still.


Es schneit nicht mehr, der Mond leuchtet über einer glitzernd weissen Wiese, an die ich mich nicht erinnern kann, auch wenn ich die Strecke schon oft gefahren bin.


«Wie lange stehen wir schon hier?» «Vielleicht fünf Minuten», sagt die Frau.

«Gab es eine Durchsage?» «Bis jetzt noch nicht.»

Ich wische mit der Hand über das beschlagene Fenster und staune nach draussen. Es schneit nicht mehr, der Mond leuchtet über einer glitzernd weissen Wiese, an die ich mich nicht erinnern kann, auch wenn ich die Strecke schon oft gefahren bin.

«Wissen Sie, was los ist?», ein Mann in meinem Alter steht neben unserem Abteil. In diesem Moment geht das Licht aus.

«Auch das noch», sage ich und die Frau fügt an: «Nein, leider nicht. Mögen Sie uns Gesellschaft leisten?»

«Ja, gerne!», er setzt sich neben mich, ich rieche feines, herbes Parfüm und eine Note Wald. Die Frau nimmt eine Thermoskanne und drei Becher aus ihrer Tasche, schenkt Tee ein, wir stossen an und stellen uns vor: «Alice», sage ich, «Lorenz, freut mich!», «und ich bin Bianca», sagt die Frau. Dann fragt sie: «Und, was wünscht ihr euch zu Weihnachten?»


«Und wenn ihr euch etwas wünschen könntet, das man nicht kaufen kann?», fragt Bianca.


«Nichts Bestimmtes», antworte ich, «ich habe alles, was ich brauche.» Das ist die Antwort, die ich immer gebe – und die auch stimmt. Lorenz zuckt mit den Schultern: «Ich habe auch keinen speziellen Wunsch. Heute feiere ich mit Freunden und jeder bringt etwas für das Essen mit, ich bin für den Wein zuständig », er deutet auf den Karton, der neben ihm auf dem Boden steht.

«Und wenn ihr euch etwas wünschen könntet, das man nicht kaufen kann?», fragt Bianca.

Es ist eine Frage, die ich mir selber schon lange nicht mehr gestellt habe. Als Erwachsener gönnt man sich vielleicht noch Tagträume, wenn man Zeit dafür hat. Aber Wünsche?

Auch Lorenz scheint nachzudenken. Dem Mondlicht sei Dank kann ich im Halbdunkeln verstohlen sein Profil betrachten, während ich überlege, was ich mir wünsche, was für mich eine Wohltat wäre – und eigentlich ist es ganz einfach.

«Ich habe es», sagt Lorenz.

«Ich auch.»

Das Licht geht an, Bianca legt den Zeigefinger auf die Lippen. «Sagt es noch nicht!»

Der Zug setzt sich mit einem Ruck in Bewegung, im Lautsprecher kratzt und surrt es, dann ertönen die ersten Klänge von «O du fröhliche». Wir lachen. «Was soll denn das jetzt?», fragt Lorenz. «Vielleicht ein Trost für die Verspätung? », mutmasse ich.

Als es auf die kleine Stadt zugeht und der Zug abbremst, ziehe ich den Mantel an, Lorenz schliesst seinen Parka. Bianca bleibt sitzen, «ich fahre weiter», sagt sie, wir verabschieden uns herzlich, Lorenz und ich steigen aus.

Am Bahnhof steht ein Auto, die Scheiben sind angelaufen, trotzdem sieht man, wie jemand im Warmen sitzt und freudig winkt, es wird einer von Lorenz’ Kollegen sein. «Willst du mitfahren?», fragt Lorenz.

«Das ist nett, aber es ist nicht nötig, ich muss nur auf die andere Seite des Bahnhofs.»

Lorenz scheint zu zögern, fragt dann: «Magst du mir verraten, was du dir gewünscht hast?», «Ich glaube, es geht nicht in Erfüllung, wenn wir es uns jetzt schon sagen.»

Und ich glaube, dass wir im Moment dasselbe denken: dass Bianca Wünsche erfüllen kann. Warum soll das Christkind nicht älter geworden und anstatt mit blonden nun mit silbergrauen Locken unterwegs sein?

«Ich habe eine Idee», sagt Lorenz. «Wir nehmen in einem Jahr beide wieder genau diesen Zug. Und verraten uns, ob unsere Wünsche in Erfüllung gegangen sind.»

«Das ist ein super Plan!» – er gefällt mir vor allem, weil ich Lorenz so wiedersehen werde.

«Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend, Alice.» «Danke, das wünsche ich dir auch, lieber Lorenz.»

Ich gehe zum Haus meiner Eltern und stelle mir vor, wie es wäre, wenn mein Wunsch in Erfüllung gehen würde: Wenn alle Menschen freundlich zueinander wären. Und was sich damit alles verändern würde.

Was sich wohl Lorenz gewünscht hat? Ein Jahr ist lang. Aber wer weiss, vielleicht führt Bianca uns früher wieder zusammen?

Ich klopfe an die Türe, meine Mutter öffnet – und da ist er wieder, der so vertraute Duft nach Gebäck, nach Nelken und nach Glühwein. Der Duft von Weihnachten zu Hause. «Fröhliche Weihnachten», sage ich.

Tanja Kummer

Die Autorin und Buchhändlerin Tanja Kummer (*1976 in Frauenfeld) streift gerne durch den Wald und entwickelt dort gedanklich ihre Texte. Sie hat bislang zehn Bücher geschrieben, unter anderem das Bilderbuch «Anna und die Nacht» und «Bigoscht – Gschichte & Gedicht» mit viel Thurgauer Mundart. Sie lebt mit ihrem Partner in Kloten.

www.tanjakummer.ch