Welche Schwierigkeiten waren das?

Da war einmal die technische Komponente. Nicht jeder Mitarbeiter besitzt automatisch einen Laptop, den er mitnehmen kann. Da musste in kürzester Zeit aufgerüstet werden. Auch was die Tools, zum Beispiel für Videokonferenzen, angeht. Und auch räumlich mussten sich die Mitarbeiter organisieren. Zumal die Lebenspartner ja auch oft im Homeoffice waren. Von den Kindern im Homeschooling ganz zu schweigen.
  

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Als Psychologe interessiert Sie vor allem auch die psychische Tragweite. Wie kamen bzw. kommen die Leute zurecht?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch von der Persönlichkeit ab. Wir bezeichnen das Umgehen mit den verschiedenen Arbeitssphären als Boundary Management. Diejenigen, die Arbeit und Freizeit auch vom Ort her trennen möchten, stehen beim ununterbrochenen Homeoffice vor der Herausforderung, trotzdem eine gewisse Abgrenzung aufrechterhalten zu können. Aber auch die «Integrierer», die nicht so stark trennen, brauchen Selbstmanagement, um mit ihren Kräften haushalten zu können.

Was könnte der Vorgesetzte tun?

Zum Beispiel ganz banal einfach mal nachfragen: «Kannst du abschalten? Kommst du zurecht? Brauchst du Hilfe? » Und bei Problemen Lösungen und Unterstützung anbieten.
   

Spielt auch die Wohnsituation eine Rolle?

Eine wichtige sogar. Alleinwohnende sehen sich anderen Herausforderungen gegenüber als die Familie, eventuell mit kleinen Kindern. Alleinsein kann zu depressiver Verstimmung führen, während das ständige Zusammensein zu Überforderung und Erschöpfung führen kann.

Was hilft, um eine Grenze zu ziehen?

In erster Linie räumliche Trennung und klare Ansagen, wann man arbeitet. Das klappt am besten, wenn man ein eigenes Büro zu Hause hat.

Viele haben aber kein eigenes Büro. Was dann?

Eventuell findet man eine Nische im Wohnzimmer oder in der Küche, wo man eine feste Büroecke einrichten kann. Zudem sind klare Absprachen, Signale sowie Rituale und Symbole umso wichtiger.
  


«Homeoffice ist ein Refugium der Stillarbeit» Image 1

«Ablenkungen gehören auch im Homeoffice dazu.»

Prof. Dr. Hartmut Schulze
Professor für angewandte Psychologie an der FHNW Olten


Was wären solche Rituale?

Zum Beispiel ein Ritual zum Arbeitsbeginn oder zum Übergang von der Arbeit zur Freizeit. Die Arbeit mit einem bestimmten Song beginnen, Tee oder Kaffee aufbrühen, sich die Ziele für die Arbeitseinheit vergegenwärtigen usw. Sich bürogemäss ankleiden kann ebenfalls helfen. Abends den Platz, sei es der Esstisch oder das Büro, ordentlich hinterlassen. Den Tag planen inkl. Mittagessen, Pausen. Zum Abschluss der Büroarbeit und zum Übergang in die Freizeit eventuell ein Spaziergang. Aber überfordern Sie sich nicht. Ablenkungen sind normal. Die sind im Büro sogar oftmals grösser.

Welche technische Ausstattung ist wichtig für das Homeoffice?

Wenn möglich ein externer Monitor. Das gewährt die richtige Körperhaltung und überfordert die Augen weniger als der kleine Laptop. Für eine gute Haltung kann auch schon eine Auflage helfen, um den Laptop zu erhöhen und den gewünschten 30-Prozen-Winkel zwischen Augen und Bildschirm zu erhalten. Wichtig finde ich auch eine externe Tastatur. Ein Headset für Telefonate und Konferenzen ist sehr wichtig für eine gute Hörqualität, vorzugsweise verteilt auf beide Ohren. Dann braucht es eine gute Beleuchtung, einen möglichst ergonomischen Stuhl und einen Tisch in der richtigen Höhe.

Man darf aber auch mal auf die Couch.

Selbstverständlich. Ein Wechsel tut sogar gut. Eine entspannte physische Haltung kann auch zu einer geistigen Lockerheit beitragen. Das muss jeder für sich herausfinden.

Lohnt es sich überhaupt, in das Homeoffice zu investieren?

Homeoffice hat sich in kürzester Zeit bewährt. Studien zeigen übereinstimmend, dass es auf jeden Fall beibehalten wird. Es bietet Vorteile, kann aber auch gesundheitliche Risiken bedeuten, nicht zuletzt dann, wenn die Ergonomie auf Dauer nicht eingehalten wird. In unseren Köpfen sollte Homeoffice als ernst zu nehmende örtliche Alternative und somit als zweiter Arbeitsort verankert werden. Für diese Langfristigkeit sollte entsprechend auch in die häusliche Infrastruktur investiert werden. Das ist übrigens auch im Interesse des Arbeitgebers, schliesslich geht es bei mobil-flexiblem Arbeiten auch um Arbeitssicherheit.

Welche Arbeiten gelingen zu Hause besser?

Das Homeoffice ist ein Refugium der Stillarbeit. In der Regel hat man mehr Ruhe, um zu schreiben, zu rechnen und sonstige Arbeiten zu erledigen. Ungewollte Unterbrechungen haben während des Lockdowns abgenommen. Allerdings beobachten wir besorgt, dass auch die Anzahl an Videokonferenzen deutlich zugenommen hat, dies kann die positiven Aspekte des Homeoffice schmälern. Onlinesitzungen im Homeoffice sind anstrengender und können schnell erschöpfend sein. Man spricht in dem Zusammenhang von «Zoomfatigue».

Der direkte Austausch ist also nicht zu unterschätzen?

Absolut nicht. Daher ist Homeoffice für zwei bis drei Tage pro Woche sinnvoll. Sitzungen per Videokonferenz sollten im Homeoffice nicht überhandnehmen. In direkter physischer Präsenz der Kolleginnen und Kollegen gelingen anspruchsvolle Gespräche und empathisches Aufeinandereingehen leichter. Und der informelle, spontane Austausch ist auch für die gegenseitige Unterstützung wichtig, die einen ganz wesentlichen Qualitätsaspekt der Arbeit darstellt.

Interview: Dominique Simonnot

Hinweis
Die Hochschule für angewandte Psychologie der FHNW bietet auf ihrer Website viele nützliche Tipps zum Thema Homeoffice. Unter dem Stichwort «Ergonomie im Homeoffice» bietet auch die Suva wichtige Tipps.
www.fhnw.ch