"Den Beruf, den ich ursprünglich gelernt habe, gibt es in dieser Form gar nicht mehr", erklärt Felix Hohler. Schriftsetzer und Bildbearbeitung: Das hat er 2000 nach seiner vierjährigen Ausbildung abgeschlossen. "Inzwischen sind alle Arbeitsschritte modernisiert und der Computer ist das Hauptwerkzeug. Zu meiner Zeit kamen die ersten Computer, auf welchen grafische Arbeiten überhaupt möglich waren, erst auf." Schon bald nach seiner Lehre wechselte der heute 37-Jährige in eine neue Branche – als typischer Quereinsteiger.
   

SWL Energie AG

"Eine gute Freundin fragte mich damals, ob ich nicht Lust hätte, als Vertretungslehrer zu arbeiten. Ich fragte sie, ob das ohne Ausbildung überhaupt möglich sei." Ein Grund war der Lehrermangel. "Viele Lehrpersonen waren ausgebrannt und hatten mit einem Burn-out zu kämpfen. Um die ausgefallenen Lehrer zu ersetzen, wurden viele Quereinsteiger gesucht", so Hohler. Und er lernte den Schulalltag gleich mit voller Wucht kennen. Er unterrichtete zunächst Sekundarschüler im Kleinbasel – das als Problemquartier verschrien ist. Hier leben viele Migranten: In der Sekklasse, die Felix Hohler unterrichtete, sassen über 80 Prozent ausländische Kinder. "Fachlich wusste ich, was auf mich zukommt. Aber ich war nicht auf das soziale Umfeld der Kinder und ihre Alltagsprobleme vorbereitet", erinnert sich Hohler. So hatte er mit Kindern zu tun, die zu Hause Gewalt erlebt haben oder als Grossfamilie in beengten und bescheidenen Verhältnissen gross wurden. "Das hat mich schon mitgenommen. Nach zwei Wochen sass ich heulend zu Hause."

Doch Felix Hohler lernte den Beruf zu lieben – in Kleinbasel gab er rund acht Jahre Unterricht, am Schluss gab er vor allem für Primarschüler der 3. bis 6. Klasse Unterricht. Einmal hatte er sogar für ein halbes Jahr einen Klassenlehrer vertreten.
         

Auch als Musiker unterwegs

"Früher, als ich nach der Lehre als Polygraf in der Werbebranche gearbeitet habe, fragte ich mich oft, wofür ich das alles mache. Jetzt als Lehrer habe ich das Gefühl, dass ich was Wichtiges für die Gesellschaft mache." Wenn man sich mit Freude und Elan auf die Kinder einlasse, könne man etwas bewegen. "Ich arbeite gerne mit Kindern, die als problematisch gelten", so Hohler. Als Lehrer nehme man automatisch Einfluss auf die Kinder: "Jeder erinnert sich noch an seine Lehrer – an die guten und an die schlechten", betont Hohler.

In seinem Unterricht kommt immer wieder die Musik zum Einsatz. Denn Hohler ist seit über 20 Jahren als Musiker unterwegs. Er spielt Bassgitarre und Klavier und singt. Mit dem Duo Das Pferd, das Elektro/-Techno-Punk spielt, hat er schon einige Erfolge gefeiert. Die Auftritte, an denen es wild zu und her geht, haben Kultstatus. "Das Pferd" wird im Sommer eine neue Single mit Video präsentieren. "Wir arbeiten an neuem Material", verrät Hohler.


"Jeder erinnert sich noch an seine Lehrer – an die guten und die schlechten."

Felix Hohler
Student Pädagogische Hochschule


Nun Pädagogikstudent Vor rund zwei Jahren nahm sich Felix

Hohler bewusst eine Auszeit – das nach seiner achtjährigen Tätigkeit als Aushilfslehrer. "Den Traum, als Berufsmusiker durchzustarten, habe ich inzwischen aufgegeben. Wir sind nun unterwegs, weil es uns Spass macht – wir haben keinen kommerziellen Druck." Hohler entschloss sich, ganz auf den Lehrerberuf zu setzen. Seit 2018 ist er an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) eingeschrieben, wo er in Muttenz an der Pädagogischen Hochschule Primarlehrer studiert. Derzeit steckt er im Praxisjahr, wobei er in Muttenz an einer Primarschule unterrichtet. Im Sommer folgt nun das 5. Semester. "Nun können wir neben dem Studium schon in einer Teilzeitstelle als Primarlehrer arbeiten." Bis 2023 will Felix Hohler sein Studium mit dem Bachelor abschliessen – danach könnte er noch den Master-Abschluss machen, was zwei Jahre dauert.

Er liebt die kreativen Fächer

Um überhaupt an der FHNW aufgenommen zu werden, musste er ein Zulassungsverfahren für Quereinsteiger durchlaufen (siehe Box). Unter anderem musste er einen Eignungstest und ein Assessment durchlaufen.

Im Studium gebe der Lehrplan 21 die Inhalte vor. Mit diesem ersten gemeinsamen Lehrplan für die Volksschule setzten die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone den Artikel 62 der Bundesverfassung um, die Ziele der Schule zu harmonisieren. Im Studium stehen gemäss Felix Hohler die Fächer Mathematik, Deutsch sowie Natur, Mensch, Gesellschaft im Fokus. Auch Informatik wird in der Primarschule unterrichtet. "Die Lerninhalte richten sich auch nach den Bedürfnissen der Wirtschaft, die Fachkräfte braucht." Hohler sieht das auch kritisch. "Die kreativen Fächer wie Musik oder Werken, die ich selber sehr gerne unterrichte, haben im Lehrplan 21 weniger Gewicht. Ich finde aber, gerade in diesen Fächern lernen die Kinder allgemeine Fähigkeiten fürs Leben."

Und hat er als Quereinsteiger mit reichlich Berufserfahrung Vorteile im Studium? "Ich bin stresserprobt und weiss, was beim Unterrichten auf mich zukommt. Deshalb habe ich die nötige Gelassenheit." Luc Müller
    

Als Quereinsteiger an die Pädagogische Hochschule

An der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) studiert man an der Pädagogischen Hochschule (PH), um Lehrer zu werden. Es gibt die Lernstandort Solothurn, Muttenz und Brugg-Windisch. Hier kann man unter anderem den Bachelor Primarstufe oder den Bachelor/Master Sekundarstufe I abschliessen. Die Pädagogische Hochschule der FHNW bietet auch Quereinsteigern die Möglichkeit, Lehrer zu werden.

Falls man bereits über eine pädagogische Fach- oder eine gymnasiale Matur, einen Hochschul- oder einen gleichwertigen Abschluss verfügt, hat man ohne das Zulassungsverfahren (Quereinstieg) direkten Zugang zu den Studiengängen.

Das Zulassungsverfahren

Wenn man die oben genannten formalen Zulassungsbedingungen nicht erfüllt, gibt es die Möglichkeit, über das Zulassungsverfahren – dieses besteht aus der Abklärung der Studierfähigkeit und dem Assessment zur Berufseignung – zum Studium zugelassen zu werden. Dafür müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
– Abschluss einer regulär mindestens dreijährigen Ausbildung auf der Sekundarstufe II (Berufslehre, DMS, FMS, HMS, WMS)
– Nachgewiesene Berufstätigkeit (300 Stellenprozente nach Abschluss der Ausbildung innerhalb von sieben Jahren)
– Fremdsprachige Bewerber/-innen: Nachweis Sprachkompetenz Deutsch, Niveau C2
– Mindestalter 30 Jahre (bei Studienbeginn)

Das bestandene Zulassungsverfahren eröffnet einem die Möglichkeit, in die Studiengänge Kindergarten-/ Unterstufe, Primarstufe oder Sekundarstufe I einzutreten und einen Bachelor- oder Masterabschluss sowie ein schweizweit anerkanntes Lehrdiplom zu erwerben. (red.)

Weitere Informationen: www.fhnw.ch/de/studium/paedagogik/zulassung/zulassungsverfahren